BSI/200-4/07 Business Impact Analyse
BSI/200-4/07 Business Impact Analyse
Beschreibung
- In der BIA wird untersucht
- welche Geschäftsprozesse zeitkritisch sind
- ab wann deren Ausfälle nicht tolerierbare Auswirkungen haben
- Daraus werden die Wiederanlaufanforderungen abgeleitet
- ob und ab wann für diese Geschäftsprozesse ein Notbetrieb zur Verfügung stehen sollte
- welche Ressourcen dafür benötigt werden
Falls die BAO schon aufgebaut wurde, helfen diese Informationen der BAO zudem
- die zeitkritischen Geschäftsprozesse und Ressourcen in einem Notfall zu priorisieren
- früh zu erkennen, ob ein Schadensereignis eskaliert werden muss sowie
- den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten
- Prozessschritte der Business-Impact-Analyse
Kenngrößen
| Kenngröße | Beschreibung |
|---|---|
| Maximum Tolerable Period of Disruption ( MTPD ) Maximal Tolerierbare Ausfallzeit, MTA |
legt fest, wie lange ein Geschäftsprozess maximal ausfallen darf, bevor nicht tolerierbare Auswirkungen für die Institution auftreten
|
| Recovery Time Objective (RTO) Geforderte Wiederanlaufzeit (WAZ) |
wird aus der MTPD abgeleitet und sowohl den zeitkritischen Geschäftsprozessen als auch den Ressourcen zugeordnet, die relevant sind für die Aufrechterhaltung der zeitkritischen Geschäftsprozesse
Die RTO muss zwingend kürzer sein als die MTPD des relevanten Geschäftsprozesses, denn die Reaktionszeit wird von der MTPD abgezogen, um mit der RTO die MTPD noch erreichen zu können
|
| Recovery Point Objective (RPO) Maximal zulässiger Datenverlust |
legt fest, welcher Datenverlust akzeptiert wird, d. h. wie alt verfügbare Daten maximal sein dürfen, um im Notbetrieb sinnvoll damit arbeiten zu können
Theoretisch kann die RPO auch für analoge Informationen erhoben werden
|
| Minimum Business Continuity Objective (MBCO) Notbetriebsniveau |
definiert, wie leistungsfähig der Notbetrieb sein soll, um einen sinnvollen Geschäftsbetrieb gewährleisten zu können
|
Vorbereitung
Erhebung der Geschäftsprozesse
- Beispiele hierarchisch angeordneter Geschäftsprozesse
BIA-Parameter und Zeithorizonte
- Beispiel einer Bewertung des Schadenspotenzials je Zeithorizont
- Definition von Zeithorizonten
Die Wahl der Zeithorizonte wird unter anderem beeinflusst durch
- die Zyklen, in denen Produkte hergestellt, Prozesse durchgeführt oder Services bereitgestellt werden,
- die Erwartungshaltung an Ausfallzeiten (unter anderem von Interessengruppen)
- interne Vorgaben und Geschäftsziele
- branchenübliche Standards
- gesetzliche Vorgaben
- Risikobereitschaft der Institution
- Beispiele für Zeithorizonte
- Schadensszenarien
- Innerhalb der BIA sollten mindestens die folgenden Schadensszenarien berücksichtigt werden
- Beeinträchtigung der persönlichen Unversehrtheit
- Beeinträchtigung der Aufgabenerfüllung
- Verstoß gegen Gesetze, Vorschriften und Verträge
- negative Innen- und Außenwirkung (Imageschaden)
- finanzielle Auswirkungen
- Untragbarkeitsniveau
Das Untragbarkeitsniveau definiert
- ab welcher Schadenskategorie die Auswirkungen eines Ausfalls durch die Institution nicht länger toleriert werden (siehe Abbildung). Die Entscheidung darüber
- ab welcher Höhe Schäden nicht länger toleriert werden
- sollte aufgrund der Tragweite für die weitere BC-Planung die Institutionsleitung treffen. Anhand des festgelegten Untragbarkeitsniveaus kann in der BIA identifiziert werden
- zu welchem Zeitpunkt die erwarteten Schäden so hoch werden
- dass diese nicht länger akzeptiert werden. Dies ist dann die MTPD des Geschäftsprozesses.
- Schadenskategorien
- Schadenskategorien und Erläuterung je Schadensszenario
Festlegung der Ressourcenkategorien und -cluster
- Ressourcenkategorien
Beispiele verschiedener Ressourcenkategorien
- Ressourcencluster
- Innerhalb bestimmter Ressourcenkategorien, z. B. der IT, können mitunter sehr viele einzelne Ressourcen vorhanden sein, die für die BIA relevant sind
- Wenn alle Ressourcen einzeln erfasst werden, besteht jedoch die Gefahr, dass diese aufgrund der Menge und der Komplexität nicht handhabbar sind
- Es ist daher sinnvoll, Ressourcen sinnvoll zu Clustern zusammenzufassen
- Das gängigste Beispiel für ein Cluster ist der Arbeitsplatz
- Ein Arbeitsplatz fasst alle Arbeitsmittel und Geräte zusammen, die für eine spezifische Aufgabenstellung innerhalb eines Geschäftsprozesses benötigt werden
- Hierbei kann allgemein zwischen einem Standardarbeitsplatz und Spezialarbeitsplätzen unterschieden werden
- Ein Arbeitsplatz kann Teil einer größeren Infrastruktur sein und wiederum aus einer Menge an Maschinen, Geräten, Anlagen oder Betriebsmitteln zusammengesetzt sein.
Planung der BIA-Erhebung
Vor Beginn der BIA sollte festgelegt werden, wie die Informationen zur BIA erhoben werden sollen.
- Formate
- Selbstauskunft durch den Prozesseigentümer oder die -eigentümerin anhand eines papierbasierten, elektronischen oder toolgestützten Fragebogens,
- Einzelinterviews mit verschiedenen Personen (z. B. Leitenden der Organisationseinheiten, Prozesszuständigen oder sonstigen Prozessfachleuten, die Auskunft geben können)
- Workshops, mit mehreren Personen
Vorbereitung der BIA-Hilfsmittel
- Präsentation zur Erläuterung der BIA
- Liste der Geschäftsprozesse
- Hilfsmittel zur Erhebung und Auswertung der BIA
Durchführung
Identifizierung zeitkritischer Geschäftsprozesse
- Bewertung des Schadenspotenzials von Geschäftsprozessen
- Worst-Case-Bewertung des Schadenspotenzials des Geschäftsprozesses „Kundschaftsanfragen bearbeiten“
- Korrekte und fehlerhafte Bewertung des Schadenspotenzials
Festlegung der MTPD
- Leitfrage
„Wenn der Geschäftsprozess ausfällt, mit welchem Schadenspotenzial [1 (gering), 2 (mittel), 3 (hoch), 4 (sehr hoch)] ist bei einem Ausfall bis zu … zu rechnen?“
- Begründung zur Bewertung des Schadenspotenzials
Die Bewertung des Schadenspotenzials muss je Geschäftsprozess begründet und dokumentiert werden.
- Gründe
- Wenn die BIA in einem neuen BCMS-Zyklus aktualisiert wird, kann auf die bestehenden Informationen zurückgegriffen werden. Damit die Bewertung des Schadenspotenzials auch zu einem späteren Zeitpunkt nachvollziehbar ist, sollte diese begründet werden.
- Regulatoren setzen eine Begründung voraus, um auch als außenstehende Dritte die Schadensanalyse dahingehend überprüfen zu können, ob diese plausibel ist.
Die Begründung dient als Entscheidungshilfe, um geeignete Maßnahmen für die Geschäftsfortführung auszuwählen.
- Wenn die einzusetzenden finanziellen oder personellen Ressourcen für diese Maßnahmen zu hoch erscheinen, dann hilft eine Begründung aus der BIA mehr als die reine Angabe einer zu erreichenden MTPD .
- Beispielhafte Begründung eines Schadenspotenzials
Festlegung der RTO für zeitkritische Geschäftsprozesse
- Für die zeitkritischen Geschäftsprozesse muss zusätzlich die geforderte Wiederanlaufzeit RTO festgelegt werden
- Sie beschreibt, wie lange der reine Wiederanlauf dauern darf, bevor es zu nicht tolerablen Schäden kommt
- Daher wird von der MTPD die BAO-Reak-tionszeit abgezogen
- Die BAO-Reaktionszeit verstreicht in der Regel unabhängig von einzelnen Geschäftsprozessen, bis der Notfall ausgerufen und die relevanten BC-Pläne gestartet werden.
- Die RTO nimmt eine zentrale Rolle in der Notfallplanung und -behandlung ein
- Sie wird in Übungen verifiziert, sodass ein realistischeres Bild für die Notfallbehandlung entsteht.
Für die BAO ist dann sichtbar, wie lange der Wiederanlauf vermutlich dauern wird, sodass dort bei dem Auftrag zum Wiederanlauf gut abgeschätzt werden kann, ob die MTPD noch eingehalten werden kann
- Auch für die Notfallteams ist die RTO eine klare Zielvorgabe.
- Zwischen der Bestimmung der RTO und der BAO-Reaktionszeit besteht eine Wechselwirkung
Einerseits bietet es sich an, diese Reaktionszeit einfach von der MTPD abzuziehen, um an die RTO zu gelangen
- Hierbei kann ein zusätzlicher Puffer berücksichtigt werden, z. B. für den Fall, dass beim Wiederanlauf Schwierigkeiten auftreten.
Andererseits wird hier sehr deutlich, dass längere Reaktionszeiten z. B. bei der Detektion oder Alarmierung alle Zeiträume für RTOs verkürzen
- Dadurch können sich auch die Kosten erhöhen, um diese RTOs einzuhalten
- Letzten Endes ist auch die BAO-Reaktionszeit eine Sollvorgabe, die sich aus den Anforderungen der Institution an die MTPD s ergibt.
Zudem ist es bei der Festlegung der RTO hilfreich, schon Teile der BC-Planung, z. B. das angestrebte Notbetriebsniveau, konzeptionell vorzubereiten, sodass die RTO konkretisiert werden kann.
Für nicht zeitkritische Geschäftsprozesse entfallen die nachfolgenden Schritte, da diese im Rahmen des BCM nicht weiter betrachtet werden.
Festlegung des Notbetriebsniveaus (MBCO)
- Beispiel eines dokumentierten Notbetriebsniveaus
- Dieser Prozessschritt der BIA ist abgeschlossen, wenn
- die Geschäftsprozesse im GP-Umfang hinsichtlich ihres Schadenspotenzials bewertet wurden
- die Geschäftsprozesse im GP-Umfang anhand der Kriterien mit einer MTPD versehen sind
- die MTPD je zeitkritischem Geschäftsprozess begründet wurde
- für zeitkritische Geschäftsprozesse die jeweilige RTO definiert ist sowie
- für zeitkritische Geschäftsprozesse das erforderliche Notbetriebsniveau definiert wurde
Identifizierung der Prozessabhängigkeiten (AS)
- Beispiel Antragsbearbeitung

Der Geschäftsprozess „Antragsbearbeitung“, mit einer RTO von 3 Tagen, ist vom Geschäftsprozess „Antragsprüfung“ abhängig
- Die Antragsprüfung hat eine geringere Prozessausführungszeit
- Zudem sind erfahrungsgemäß immer mehr Anträge bereits geprüft als in Bearbeitung (Arbeitsvorrat von einigen Tagen)
- Obwohl eine zeitkritische Abhängigkeit zwischen beiden Geschäftsprozessen besteht, kann der abhängige Geschäftsprozess „Antragsbearbeitung“ wiederaufgenommen werden, ohne dass der benötigte Geschäftsprozess „Antragsprüfung“ bereits läuft
- Daher wird zwischen den Prozesszuständigen vereinbart, dass die RTO des benötigten Geschäftsprozesses „Antragsprüfung“ mit 7 Tagen deutlich größer sein kann als die RTO des abhängigen Geschäftsprozesses „Antragsbearbeitung“
- Beispiel Kundschaftsbetreuung

Der Geschäftsprozess „Kundschaftsbetreuung“ mit einer RTO von 3 Tagen ist von einem ausgelagerten Geschäftsprozess „Telefon-Hotline-Dienst“ abhängig
- Dieser stellt sicher, dass Anrufe angenommen, die Anfragen geprüft und an das richtige Team in der „Kundschaftsbetreuung“ weitergeleitet werden
- Da der benötigte Geschäftsprozess „Telefon-Hotline-Dienst“ parallel zum abhängigen Geschäftsprozess „Kundschaftsbetreuung“ ausgeführt werden muss, wird entschieden, dass die RTO des abhängigen Geschäftsprozesses übernommen wird.
- Beispiel Produktion

Der Geschäftsprozess „Produktion“ in einer Milchfabrik, mit einer RTO von drei Tagen, ist vom nachgelagerten Geschäftsprozess „Distribution“ abhängig
- Da nur begrenzte Lagermöglichkeiten für die produzierten Güter bestehen, können diese maximal zwei weitere Tage aufbewahrt werden, bevor das Lagervolumen ausgeschöpft ist
- Um einen kontinuierlichen Produktionsfluss zu gewährleisten, wird beschlossen, die RTO des benötigten Geschäftsprozesses „Distribution“ auf fünf Tage festzulegen.
Identifizierung der Ressourcenabhängigkeiten
Relevant für die weiteren Schritte in der BC-Planung der Ressourcen sind die folgenden BIA-Kenngrößen für Ressourcen:
- Geforderte Wiederanlaufzeit (RTO)
- Ressourcenbedarf in Abhängigkeit zur Dauer des Notbetriebs
- Im Falle von Daten und IT-Ressourcen: maximal zulässiger Datenverlust (RPO)
RTO der benötigten Ressourcen
- Beispiele für Ressourcenabhängigkeiten verschiedener Geschäftsprozesse
Ressourcen, deren RTO aufgrund des Minimalprinzips ermittelt wurden, sind hervor gehoben.
Ressourcenbedarf in Abhängigkeit zur Dauer des Notbetriebs
- Beispiel für Arbeitsplatz- und Personalabhängigkeiten
Benötigte Anzahl Arbeitsplätze oder Personal im Notbetrieb der OE Kundenmanagement
RPO
- Beispiele für informationsbasierte Ressourcenabhängigkeiten verschiedener Geschäftsprozesse
Identifizierung vorhandener Single Points of Failure
Wenn viele (sehr) zeitkritische Geschäftsprozesse eine einzelne Ressource benötigen, stellt diese ein erhöhtes Risiko für eine Geschäftsunterbrechung dar. Üblicherweise werden solche Ressourcen als Single Point of Failure bezeichnet.
Es gibt verschiedene Arten von Single Points of Failure:
| SPoF | Beschreibung |
|---|---|
| Wissen (Single Point of Knowledge, SPoK) |
Person, die als einzige über alle Fähigkeiten und spezifische Kenntnisse eines Prozesses oder Verfahrens verfügt |
| Technik oder Dienstleistung (Single Point of Failure, SPoF) |
Anlage, eine Komponente, ein IT-System, ein Dienstleistungsunternehmen etc., durch deren Ausfall ein Gesamtsystem nicht mehr betriebsbereit ist
|
| Kontakte (Single Point of Contact, SPoC) |
Person, die die alleinige Kontaktperson ist, oder eine Schnittstelle, die die alleinige Kommunikationsstelle für einen bestimmten Sachverhalt ist |
| Kumulationseffekt | Ressourcen, welche von relativ vielen zeitkritischen Geschäftsprozessen benötigt werden |
Auswertung
Die Gesamtübersicht sollte mindestens die folgenden Inhalte umfassen:
- Übersicht der zeitkritischen Geschäftsprozesse und zugehörigen Kontaktpersonen
- Übersicht der Prozessabhängigkeiten
- Übersicht der abhängigen Ressourcen und SpoFs sowie deren RTO bzw. RPO
Anhang
Siehe auch
- BSI/200-4/02 Einführung
- BSI/200-4/03 Initiierung
- BSI/200-4/04 Konzeption und Planung
- BSI/200-4/05 Besondere Aufbauorganisation
- BSI/200-4/06 BIA-Vorfilter
- BSI/200-4/07 Business Impact Analyse
- BSI/200-4/08 Soll-Ist-Vergleich
- BSI/200-4/09 Risikoanalyse
- BSI/200-4/10 Business-Continuity-Strategie
- BSI/200-4/11 Geschäftsfortführung
- BSI/200-4/11 Geschäftsfortführung/Erstellung
- BSI/200-4/11 Geschäftsfortführung/Qualitätssicherung und Freigabe
- BSI/200-4/11 Geschäftsfortführung/Vorbereitung
- BSI/200-4/12 Wiederanlauf
- BSI/200-4/12 Wiederanlauf/Erstellung
- BSI/200-4/12 Wiederanlauf/Vorbereitung
- BSI/200-4/13 Üben und Testen
- BSI/200-4/14 Leistungsüberprüfung und Berichterstattung
- BSI/200-4/15 Aufrechterhaltung und Verbesserung
- BSI/200-4/Anhang